Doppelmoral und „Killerspiele“ (2)

Selbstverständlich berichtet auch Der Spiegel über den Amoklauf von Winnenden, selbstverständlich ist das Thema dem Blatt eine Titelgeschichte wert und selbstverständlich kann auch das größte deutsche Wochenmagazin nicht wirklich ergründen, was denn nun der Auslöser für die Tat war. Stattdessen rührt es in einem recht belanglosen, zwölfseitigen Artikel (mit dem reißerischen Titel „113 Kugeln kalte Wut“) einmal das Leben des Täters um (in dem Tischtennis, Schützenverein, Schule und natürlich auch, wie bei jedem Jungen seines Alters, Computerspiele eine Rolle spielten), versucht hier und dort Hinweise zu finden, fügt dem Thema und der Ergründung seiner Ursachen aber schlussendlich keine nennenswerten Impulse hinzu.

Das an sich wäre noch nichts für Waste Of Bytes berichtenswertes, wenn da nicht direkt nach der Titelgeschichte ein zweiter Artikel folgen würde („Deutschlands größte Jugendstudie offenbart das Suchtpotential von Computerspielen“), der im Inhaltsverzeichnis ebenfalls unter der Rubrik „Titel“ angekündigt wird.

Wir wollen hier gar nicht über die durchaus ebenfalls fragwürdige Studie, die diesem zweiten Artikel zugrunde liegt (durchgeführt vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, dessen Leiter Christian Pfeiffer zu den schärfsten Computerspielkritikern der Republik gehört), diskutieren. Es stellt sich allerdings die viel grundsätzlichere Frage, was der Artikel dort überhaupt verloren hat. Was ein Bericht über die angeblichen oder tatsächlichen Suchtgefahren von Online-Rollenspielen nämlich mit der Titelgeschichte zu tun hat, warum er neben dem Hauptartikel über den Amoklauf unter „Titel“ im Inhaltsverzeichnis firmiert und auch nach diesen zwölf Seiten direkt folgt (mit gleicher Berechtigung könnte dort auch ein Artikel über die German Open 2009 im Tischtennis folgen), verschweigt uns Der Spiegel aus gutem Grund: Die bei dieser Konstellation fast zwingend folgende Verknüpfung „Die Computerspiele sind mal wieder schuld“ soll ruhig im Kopf des Lesers geschehen, wenn man sie nur oft genug wiederholt, dann wird sie schon zum Allgemeingut. Dabei war Tim K. nicht einmal ein Spieler des hauptsächlich untersuchten Games World Of Warcraft.

Der Artikel zeigt aber auch noch etwas anderes: Das meistkonsumierte Medium unter den Jugendlichen war laut der Statistik, auf der der Artikel zum Großteil basiert, nicht das Computerspiel – sondern der gute alte Fernseher. Und was gab es da zu sehen? Reißerische und umfassende Live-Berichterstattung über den Fall, die, wenn man der Meinung der renommierten Gießener Kriminologie-Professorin Britta Bannenberg auf einer aktuellen Seite der Schleswig-Holsteinischen Zeitung zum Thema „Die Medien und der Amoklauf“ (Quelle: Stefan Niggemeier) folgen darf, weit mehr Nachahmungstäter inspirieren könnte:

shzwinnenden(Hervorhebung von Waste Of Bytes)

Nachdem wir also gelernt haben, dass großangelegte mediale Berichterstattung, vielleicht sogar der Abdruck von Porträts des Täters, die Unsterblichkeit auf den Titeln von Zeitungen und Magazinen ein Auslöser für solche Taten sein können, blättern wir doch nochmal ganz nach vorne in eben jeder Ausgabe des Spiegel, die einfach mal einen Computerspiel-Artikel an eine nichtssagende Titelgeschichte über den Amoklauf anhängt, weil es ja bestimmt gut zusammenpasst.

Wir bekommen dort folgendes zu sehen:

titel

Für diese Gesamtleistung einmal den Doppelmoral und Killerspiele-Award 2009. Chapeau!

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~ von rupickman - März 21, 2009.

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